Die Leiden der Eva Herman oder Staat vs. Kinder
Deutschland redet über den Rausschmiss von Eva Herman bei Kerner in der Sendung. Viele werfen ihr vor, braun zu sein oder dumm. Und sicher ist nicht alles richtig, was sie sagt, aber meiner Meinung nach wird die Frau ziemlich missverstanden von der Gesellschaft, die ihr am liebsten einen Maulkorb aufsetzen würde. Doch ist das richtig? Sollte man sich nicht lieber auf die Diskussion einlassen und in einen vorurteilsfreien Dialog treten, der nicht geprägt ist von der Erinnerung an das Dritte Reich?
Aber ich möchte hier nun auch einmal meine Meinung äußern zu bestimmten Elementen der Hermanschen Ausführungen, auf alles kann ich hier natürlich nicht eingehen, weil es den Rahmen sprengen würde. Und ich distanziere mich lieber im Voraus von jeglichem Gedankengut aus dem Dritten Reich und missbillige die NS-Ideologie zutiefst. Muss man ja machen, bevor man etwas zu diesem Thema sagt, auch wenn das traurig ist. So denn, hier meine Meinung über die Rolle der Familie in unserer Gesellschaft:
In der heutigen Gesellschaft und im heutigen Deutschland ist der Wert einer Familie oder von Kindern auf einen Tiefstand angekommen. Die Geburtenrate ist extrem niedrig und kaum jemand findet, dass es sich lohnt, ein Kind in die Welt zu setzen, viele wollen es sich nicht leisten. Oft wird auch als Grund genannt, dass die Frau lieber Karriere macht als Kinder zu bekommen (dem Manne ist das ja nicht möglich, da zu wählen). Um diesem ganzen Trend entgegenzuwirken, hat sich unsere tolle Bundesregierung gedacht, dass man ganz viele KiTas schaffen muss, so dass Beruf und Kind miteinander vereinbar sind. Doch erstens ist dieser Plan nur mehr als unzureichend umgesetzt und zweitens sowieso der vollkommen falsche Weg.
Kinder sollten bei ihren Eltern aufwachsen. Nur dort können sie volle Aufmerksamkeit bekommen, richtig Werte vermittelt und gut erzogen werden. In Kindertagesstätten mit vielen anderen Kindern werden diese Faktoren meiner Meinung nach nicht ganz so gut berücksichtigt. Ich will nicht behaupten, dass alle Kinder aus KiTas später schlechter in der Schule sind oder das Sozialverhalten leidet, aber es ist doch so, dass die Kinder eine nicht unbeträchtliche Zeitspanne täglich von den Eltern weg sind und deren Nähe und Zuwendung extrem wichtig ist für die Entwicklung. Das gilt auch oder vor allem später in der Grundschulzeit oder zu Beginn der weiterführenden Schulen – wenn das Kind nach Hause kommt, sollte es nicht allein sein. Es sollte einen Ansprechpartner haben, entweder Mutter oder Vater, es gibt doch bei jedem Kind Probleme, die es nicht nur besprechen will, sondern auch muss. Das können Schwierigkeiten bei Hausaufgaben oder beim Lernen sein oder Streitereien mit Klassenkameraden. Eine Tagesmutter kann da nicht so gut helfen wie eine Mutter oder ein Vater – das ist meiner Meinung nach schlicht unmöglich.
Und ist diese Art Fremderziehung von Kindern nicht auch Teil einer Ideologie, die in einem demokratischen Land wie Deutschland lange verurteilt wurde? Und außer dieser Möglichkeit gibt es eben nur noch diesen Weg, dass ein Elternteil zu Hause bleibt und nicht (oder nur Teilzeit) arbeitet, es muss ja nicht unbedingt die Mutter sein. Die Emanzipation der Frau und die damit einhergehende De-Emanzipation des Mannes erlaubt durchaus die Vertauschung der alten Rollen. Wir sind modern genug für Online-Durchsuchungen (negativ!) und wir sind modern genug für Homo-Ehen (positiv!) – warum sind wir nicht modern genug für Hausmänner? Es muss ja nicht die Frau sein, die das Haus hütet, so wie Frau Herman das vielleicht sagt.
Das alles löst aber das “Kinderproblem” nicht, also die Tatsache, dass es zu wenig Kinder gibt. Das liegt einzig und allein daran, dass es dafür an Anreiz fehlt in diesem Land und es Eltern immer schwerer gemacht wird, anstatt es ihnen leichter zu machen. Ein Kind bringt nun einmal Kosten mit sich und die müssen irgendwie gedeckt werden. Der Staat leistet dafür Kindergeld zur Unterstützung. Das dieses jedoch nie und nimmer ausreicht, ist jedem klar und das ist ja auch in Ordnung. Aber das Geld wird an anderen Ecken und Enden ja wieder aus den Taschen der Eltern gezogen. Als Beispiele seien da Busfahrten zur Schule hin und wieder zurück genannt, die zu einem Teil von den Eltern getragen werden müssen, die Einführung von Studiengebühren usw. usf. – allein weil durch das Fernbleiben eines Elternteils von der Arbeit ein großer Teil des Haushaltseinkommens einfach wegfällt. Bund und Länder tun viel zu wenig für Kinder und Eltern, es lohnt sich also nicht, Kinder zu bekommen.
Wenn es mehr Hilfe vom Staat für Eltern geben würde, dann könnten diese sich vielleicht eher durchringen, dass ein Elternteil zu Hause bleibt. Dies wiederum würde dann bewirken, das Arbeitsplätze frei werden, die von Arbeitslosen besetzt werden können, die nicht mehr von der Arbeitsagentur bezahlt werden müssten. Und dieses Geld kann man wieder den Eltern oder vor allem den Kindern zugute kommen lassen, indem man zum Beispiel die Bildungsmöglichkeiten verbessert. Aber nein, wir stecken lieber Geld in die Bundeswehr, in die Installation von Überwachungsmitteln und in andere sinnlose Projekte. Wahrscheinlich hat es dieses Volk verdient, langsam auszusterben.
Dieser Beitrag wurde von Konna am 12.10.2007 um 22:46 in der Kategorie Kolumnen und Serien veröffentlicht. In dieser Kategorie gehört der Beitrag zu den Tags: Meinung. Bislang wurden 14 Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.








14 Kommentare, kommentiere oder sende einen Ping
MuGoZu einem Punkt will ich was sagen, bei einem anderen möchte ich widersprechen.
Erstens: Du machst den gleichen Fehler, den ich auch Eva Hermann vorwerfe. Du behauptest einfach, dass jemand, der Kinderbetreuung in fremde Hände gibt, grundsätzlich falsch handelt. Das ist genauso dämlich, wie jemandem, der sich um Kinder kümmert, vorzuwerfen, sie (oder er) würde sich nicht selbstverwirklichen – was ja im Endeffekt die extreme Gegenseite ist.
Meine Eltern haben noch studiert, als ich geboren wurde. Von Anfang an wurde ich also nicht nur von meinen Eltern, sondern auch von meinen Großeltern und der Kinderkrippe der Universität betreut worden. Später, als meine Eltern selbstständig waren, bin ich zwar nach Kindergarten und Grundschule ins Café meiner Eltern gegangen, doch ab der 5. Klasse bin ich in Oldenburg zur Schule gegangen und nachmittags immer direkt nach Hause gefahren, wo ich an den Nachmittagen mich selbst organisieren musste. Mich hat dies nie gestört und ich glaube auch nicht, dass ich deswegen irgendwelche Defizite (menschlich oder erzieherisch) gegenüber anderen Menschen mit Vollzeitelternteil habe – ich habe aber auch keinerlei Vorteile. Es war einfach nur die für mich und meine Eltern beste Lösung. Ich hätte mich gegen eine permanente Betreuung gewehrt und meine Eltern lieben (und liebten) ihre Arbeit. Beide haben den für sie richtigen Weg eingeschlagen und ich musste nicht drunter leiden – das ist doch toll!
Deswegen fordere ich von dir genauso wie von Eva Hermann: Ich freue mich, dass ihr euren Weg gefunden habt – meiner ist aber konträr entgegengesetzt und ich bin trotzdem glücklich! Nur, weil die 68er dogmatisch waren, müssen wir jetzt nicht das genaue Gegenteil mit wehenden Fahnen verteidigen und sagen: “Das ist die reine Wahrheit!”
Ich habe mir gerade das Protokoll der Kerner-Sendung durchgelesen; Eva Hermann hat an mehreren Stellen in meinen Augen eindeutig klar gemacht, dass es ihr nicht um die Verherlichung des Dritten Reichs geht – ihr Fehler besteht aber darin, dass sie nicht zugegeben hat, dass ihr Zitat missverständlich war, sondern weiterhin darauf besteht, es wäre falsch interpretiert worden. Das stimmt so einfach nicht! Ihre Äußerung liest sich ganz klar so, als ob sie der Familienpolitik der Nazis nachtrauert. Und das kann’s nicht sein und das ist auch nicht ihr Anliegen – aber das kann man auch einfach mal klarstellen in dem man sagt: “Ja, das Zitat war eindeutig missverständlich und es tut mir Leid, dass ich gerade an dieser Stelle hängengeblieben bin und deswegen ein total falscher Eindruck entstanden ist!”
Fehler sind menschlich, man muss sie aber auch zugeben können!
Zweitens – ja, es folgt noch ein Zweitens, sorry, aber da hat sich was angestaut^^ – zweitens: Was ich sehr irritierend finde ist, dass gerade Leute wie du, Konna, die ganz klar das Prinzip der Familie verteidigen, immer auf den Kosten herumreiten, die so ein Kind einmal bereitet. Ich stelle jetzt eine ganz gewagte These auf: Unserer Familienpolitik würde es besser gehen, wenn der Staat keinerlei Unterstützung an Eltern zahlen würde und seine Förderung komplett auf kostenlose Kindergärten und Schulen beschränken würde (für KiTas bin ich auch, aber das ist im Endeffekt eine Detailfrage). Alles abschaffen? inklusive Kindergeld? Ja, komplett abschaffen! Aber das ist doch kontraproduktiv!? Vielleicht, aber dafür gibt es nur noch Wunschkinder.
Ganz ehrlich, ich glaube daran, dass es uns besser bekommen würde, wenn allen klar wäre, dass Kinder nunmal Geld kosten. Denn zur Zeit entsteht der Eindruck, dass Kinder nur auf die Welt kommen, weil der Staat dann Geld zahlt. Fragt mal eure Eltern: Hättet ihr mich abgetrieben, wenn ihr kein Kindergeld bekommen hättet? Ich wette darauf, dass jeder, der sagt: “Ich hatte eine glückliche Kindheit!” (und die meisten anderen) darauf ein klares Nein erhält. Z.B. du Konna hast viele Geschwister – glaubst du, dass du weniger Geschwister hättest, wenn deine Eltern kein Kindergeld bekommen würden? Ich nicht – obwohl ich deine Familie nicht kenne. Aber wenn du was von deiner Familie erzählst, dann merkt man: Deine Eltern lieben ihre Kinder und sind jeden Tag wieder glücklich, dass sie jeden einzelnen von euch haben. Und so soll es sein!
Als Kind willst du doch das Gefühl, dass man dich liebt, respektiert und ernst nimmt – und nicht, dass dir deine Eltern nur über den Kopf streicheln, wenn der Scheck mit dem Elterngeld eintrifft! Das ist jetzt überspitzt, aber diese ganze Diskussion ist doch eklig und amoralisch; wir sollen kinderfreundlich werden – aber es geht nur darum, dass ein Kind soundsoviel kostet und der Staat es deswegen mit diesemundjenem fördert. Aber das ist doch irrelevant! Wenn meine – imaginäre – Freundin heute kommen würde und mir sagt, dass sie schwanger sei, dann würde ich doch nicht sagen “Hui, da muss ich jetzt ja erstmal berechnen, wieviel Kindergeld und Elternbeihilfe und Kindergled uns da zusteht und ob wir uns das leisten können!” sondern: Will ich ein Kind? Will ich jetzt ein Kind? Mit dieser Frau? Kann ich mich, können wir uns darauf einlassen? Was will meine Freundin?
Und dieses fragen, die müssen meiner Meinung nach das Entscheidende sein. Dann gibt es halt kein Kindergeld! Wenn ich das Kind liebe und haben will, dann geht das schon irgendwie – bei meinen Eltern ging es ja auch! Und das würde ich mir für Deutschland wünschen – dass Kinder endlich wieder als was Freudiges angesehen werden und nicht als ein weitere Posten in der Kosten-Nutzen-Rechnung!
am 13.10.2007 um 2:24
zitroneHey, ich muss dir im Bezug auf die Krippen ganz, ganz dolle widersprechen Konna. Ich streite nicht ab, dass es manche Krippen gibt, wo die Kinder spielen und die Betreuer nur da sitzen und keien Beziehung zu den Kindern haben. ABER es gibt eben auch andere Krippen, und die kenne ich selbst, weil jemand dort war den ich kenne, da waren 7 Kinder und 5 Betreuer, oder so in der Art, jedes Kind hatte seine FESTE Bezugsperson und hatte dort dann eine wirklich nette Zeit, weil sich um die Kinder da voll und ganz gekümmert wurde.
Ich denke ganz klar, Krippen sind gut und schön, vorallem wenn man noch studiert wie MuGo geschrieben hatte, aber jede Eltern sollten gucken in WAS FÜR EINE Krippe sie ihre Kinder bringen.
Ich denke auch ganz klar, dass niemand es “nur” vom Geld her abhängig macht, im Vordergrund stehen die Fragen die MuGo schon genannt hat, will ich ein Kind usw. Die Frage, kann ich es mir leisten, bzw wie mach ich es dann wenn das Kind auf der Welt ist mit dem Geld. Die Frage tritt sicher auch auf, aber etwas später. Und ich denke, es ist der Wunsch ein Kind zu haben und nicht das Geld.
Das der Familienwert irgendwie zurück gegangen ist, fällt denke ich allen auf, das mit Geld usw auszugleichen ist denke ich komplett verkehrt.
am 13.10.2007 um 9:45
konna@MuGo: Naja, ich habe ja nicht geschrieben, dass Kinder in Betreuung irgendwie schlechter da stehen im Gesellschaftsgefüge oder Defizite haben. Teilweise sogar Vorteile, dass sie sich (wie du) selbst früh organisieren mussten! Ich bin hingegen der Meinung, dass der Wert der Familie dadurch leidet. Denn du schreibst ja sehr richtig: Als Kind will man das Gefühl, dass man geliebt wird – ist das “Weggeben” des Kindes ein Zeichen von Liebe? Ist es ein besonderes Zeichen von Liebe, wenn die Liebe zu seinem Beruf verhindert, dass man sich selbst um das Kind kümmert – zugegebenermaßen äußerst provokant gefragt!
Und eine Tagesmutter oder das KiTa-Personal wird dir nie so viel Liebe entgegenbringen können wie die eigenen Eltern (oder auch Großeltern, das gehört zu familiären Seite dazu) – wobei es natürlich auch Rabeneltern gibt, aber das soll in der Diskussion mal ausgeklammert sein.
Und nicht, dass du mich falsch verstehst: Das soll nicht heißen, dass ich glaube, dass dich deine Eltern weniger geliebt haben als beispielsweise mich meine. Aber welches Kind fühlt sich nicht wohler bei seinen Eltern als in der Kinderkrippe?
Ich verurteile nicht, wenn Eltern ihre Kinder in KiTas geben oder zu einer Tagesmutter, vielleicht hab ich mich da falsch ausgedrückt. Es ärgert mich nur vor allem, dass alle diejenigen, die eben nicht diesem Weg der Erziehung folgen wollen, sondern es lieber selbst in die Hand nehmen, benachteiligt werden und daran “selbst Schuld” haben. Hab mich im Beitrag selbst wohl ein bisschen missverständlich ausgedrückt!
Zu deinem Punkt, dass man das Kindergeld und alle staatlichen Leistungen abschaffen sollte: Meinst du nicht, dass es auch genügend Paare gibt, die gerne ein Kind haben würden, aber einfach die finanziellen Mittel nicht haben und auf das Geld angewiesen sind? Das Geld soll ja nicht der Anreiz sein, das Kind zu bekommen, sondern es soll ermutigen, das dann auch wirklich durchzuziehen und eben gerade DADURCH nicht auf den Faktor Geld achten zu müssen. Oder soll das Kinderkriegen ein Privileg der Reichen (oder Besserverdienenden) werden?
Deutschland ist ein kinderfeindliches Land, das wird in vielen Bereichen deutlich, wäre aber ein ganz eigenes Thema wert.
@Zitrone: Wie schon zu MuGo gesagt – ich verurteile die Krippen nicht, da hab ich zu überspitzt formuliert. In dem Punkt, dass es extrem wichtig ist, was das für eine Krippe ist und man darauf achten sollte, sind wir uns glaub ich alle einig.
Zur Geldfrage: Klar stehen erst einmal andere Fragen im Vordergrund vor dem Geld, wir leben ja in einem Industrieland und nicht in der Dritten Welt. Aber die Geldfrage muss gestellt werden, bevor das Kind kommt, zwangsläufig. Wenn man sich das Kind nicht leisten kann, schlicht weil finanzielle Mittel fehlen und nicht der Wunsch oder die Liebe, dann kann man kein Kind bekommen, es soll ja auch nicht am Hungertuch nagen.
Und wie lässt sich der Familienwert wieder herstellen? Doch dadurch, dass man die Familien zusammen lässt, die Kinder in ihrer Zeit des Aufwachsens möglichst viel Kontakt zu den Eltern haben, viel Liebe erfahren usw. … oder? Das Geld soll nicht der Zweck selbst sein, sondern es ist das Mittel zum Zweck, daran lässt sich leider nicht drehen. Ganz ohne Geld kann man kein Kind erziehen und versorgen.
am 13.10.2007 um 11:39
crunchi87also wenn ich mich an meine Kindergartenzeit erinnere (Arbeit), war es eine sehr schöne, aber auch stressige Zeit. Morgens habe ich die ersten 2 stunden in der Krippe gearbeitet. Warum? weil meine Kollegin sonst alleine mit den Hosenscheißern gewesen wäre, es waren 9 Babys..also waren wir somit zu 2., bis eine andere Kollegin mich abgelöst hatte. Im Normalfall waren es 2 Erzieher und 8-9 Babys bzw. Kleinkinder.. und dass das keine gute Aufteilung ist, ist uns wohl allen klar. Meine Kolleginnen waren so froh, als sie eine Praktikantin bekommen haben.. ich fand das SO jedenfalls nicht ok.
Sie haben sich zwar so gut es geht gekümmert, aber 2 Personen schaffen das einfach nicht.
am 13.10.2007 um 12:19
MuGo@Konna:
Ist das “Weggeben” ein Zeichen von Liebe? Sicherlich nicht. Aber ist es ein Zeichen von Liebe, sich selbst aufzugeben und etwas zu machen, auf das man keine Lust hat, nur weil man jemandem etwas vorspielen möchte, was man selbst gar nicht will? Und das wäre der Fall gewesen, wenn sich meine Mutter oder mein Vater für die Betreuung meinerseits und gegen den Beruf entschieden hätten.
Es ist da ja auch ein grundlegender Unterschied zwischen uns: Ich betrachte alles aus der Einzelkindperspektive, du aus der Perspektive der Großfamilie. Wenn jemand fünf (oder sieben) Kinder hat und dann dennoch einem Vollzeitjob als, sagen wir, Familienministerin nachgeht, dann denke ich mir: “Respekt! Aber das kann nicht der Standard sein!” Klar, dass man dies im Normalfall nicht mit zwei Vollzeit arbeitenden Eltern schafft – aber es kann auch nicht sein, dass Frau von der Leyen vorgeworfen wird, sie würde ihre Kinder nicht lieben, weil sie ein Kindermädchen beschäftigt. Sie hat ihren Weg gefunden und wir sollten uns alle freuen, dass sie dabei glücklich ist.
Jetzt kommen da aber die Horrorszenarien, die ich innerlich habe: Vierzigjährige Frauen, die jetzt nochmal ein Kind haben wollen und sich dann nur noch auf dieses Kind konzentrieren. Da bemitleide ich das Kind, weil es unter ständiger Kontrolle steht (was schon im Kindergarten nicht mehr der Fall wäre – es ist einfach was anderes, ob die eigenen Eltern oder jemand anderes auf einen aufpassen) und höchstwahrscheinlich verzogen wird: Wie soll ein Kind, das der Lebensinhalt der Mutter ist (es sind normalerweise die Mütter), jemals lernen, Konflikte mit Mitmenschen zu lösen oder dass man hin und wieder auch mal zurückstecken muss, um sich nicht vollends unbeliebt zu machen? Es kommt ja nie mit anderen Kindern in Konfliktsituationen!
Mir ist wichtig, dass klar wird: Es geht hier um Einzelkinder! Schon bei drei Kindern stellen sich die Probleme nicht mehr, weil man sich dann schließlich mit seinen Geschwistern auseinandersetzen muss. Aber ich habe beim Wert “Familie” eben Vierzigjährige Frauen mit nur einem Kind vor Augen – Frauen wie Eva Hermann. Frauen, die sich unbotmäßig etwas aneignen wollen, was eigentlich Großfamilien zustehen sollte: Das Recht darauf, sich um die Kinder gebührend zu kümmern. Aber ein Kind allein braucht keinen 24-Stunden-Service!
Ich weiß, dass ich hier schnell in die Gefahr gerate, meine eigene Meinung auf das Gemeinwohl zu projezieren, denn ich bin bekanntermaßen kein Freund von “Hausfrauen” (ein besserer Ausruck fällt mir gerade nicht ein). Aber ich möchte auch eigentlich nur einen anderen Lebensstil verteidigen, in dem ich aufgewachsen bin und den ich selber als den für mich richtigen ansehe und dabei darauf hinweisen, was meine Meinung beeinflusst.
Zu den Kosten: Naja, ich weiß nicht, ich habe noch nie von jemandem gehört: “Ich hätte gerne ein Kind, aber wir können es uns nicht leisten.” Ich kenne vielleicht die falschen Leute, aber solange ich diese Menschen nicht persönlich einmal treffe, halte ich sie für eine unbedeutende Randgruppe.
Außerdem halte ich es immer noch für ein seltsames Argument: Gott sei Dank leben wir in einem Land, in dem kein Kind verhungern muss, weil die Eltern kein Geld für Essen haben. Und das würde ja auch so bleiben – ich will ja nicht Sozialleistungen abschaffen, sondern das Kindergeld. Und das drei oder vier Personen natürlich mehr Geld brauchen als zwei steht außer Frage. Und wer ein Einkommen unter dem Sozialhilfesatz hat, bekommt die Differenz auch ausgezahlt. Ob der Sozialhilfesatz richtig berechnet ist, ist eine ganz andere Frage…
am 13.10.2007 um 13:46
Blondes AlienIch finde auch, daß sich aus dem Beitrag stellenweise herauslesen lässt, daß Kinder, die nicht durchgehend im Familienverbund aufwachsen, Defizite mitbringen. Ich denke, das ließe sich leicht widerlegen. Einmal, wenn man auf die Länder des ehemaligen Ostblocks blickt. Diese Menschen haben im Durchsschnitt genauso gute oder schlechte Eigenschaften wie die Menschen im Westen. Sie sind weder intelligenter noch dümmer, nicht assozialer oder sozialer als wir.
Ich glaube auch nicht, daß ich einen Schaden dadurch davongetragen habe, daß meine Eltern beide gearbeitet haben. Ich wuchs die ersten fünf Jahre mit einer Nanny auf. Danach war ich im Kindergarten, dann kam die Schule. Ich war ein Schlüsselkind. Heute habe ich ein ausgesprochen liebevolles Verhältnis zu meinen Eltern und zu meiner Schwester. Ich bin kein sozialer Nerd und geistig nicht zurückgeblieben.
Zum anderen kann man durchaus weiter in die Vergangenheit reisen. Wie lange gibt es denn eigentlich die Familienstruktur in der beschriebenen Form? Gute 200 Jahre? Und dann noch nicht mal in allen Gesellschaftsschichten. Die Hausfrau und Mutter ist eine Idealisierung der Romantik. Zuvor waren Frauen allezeit gezwungen, zu arbeiten. Die Notwendigkeit war da, sonst hätte die Familie nicht überleben können.
Und das funktionierte auch, schließlich lebte man in Großfamilien oder (noch weiter in der Vergangenheit) in Sippen. Da gab es Tanten, Omas, gebrechliche Familienmitglieder und ältere Kinder, und die konnten auf kleinere aufpassen und sie miterziehen.
Ich fände eine Familienstruktur in dieser Form auch heute ausgesprochen sinnvoll. Die Mütter (oder Väter) werden entlastet. Das Kind lernt von klein auf den sozialen Umgang. Der ist doch wichtig. Nur zu Hause mit einem Elternteil kannst Du doch kein Sozialverhalten aufbauen.
Das Problem ist nur: Die Großfamilie gibt es nicht mehr. Aber was ist so verwerflich daran, die Großfamilie durch erzieherische Einrichtungen zu ersetzen?
Ich finde Deinen Ansatz, weg von den Schuldzuweisungen und hin zu einem Kompromiss absolut lobenswert. Ich bin völlig einer Meinung mit Dir in diesem Punkt. Es geht nicht um das Ausspielen diverser Machtpositionen, weder in der Gesellschaftspolitik noch in der Emanzipation. Es geht um Respekt, Anerkennung und einer Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen. Dazu müssen überholte Denkmuster aus den Gehirnen.
Nimm z.B. meine Beziehung: Ich bin mit Sicherheit gebildeter und ausgebildeter als mein Freund (und nur um das zu verdeutlichen: Bildung und Ausbildung haben nichts mit Intelligenz zu tun, ich halte meinen Freund mir in dieser Hinsicht in jedem Fall ebenbürtig). Ich verdiene mehr und so wird es vermutlich auch bleiben. Wäre es nicht völlig verkehrt, kontraproduktiv und gedankenlos, wenn ich nun nach der Geburt eines Kindes (was abgesehen davon nicht passieren wird) das Haus hüte, während sich mein Freund abkämpfen muss, um das Überleben zu sichern?
Das ist es eben, was mich an den Aussagen Frau Hermanns stört. Es sind z.T. recht unüberlegte Plattitüden (von vielen ohne nachzudenken gedankenlos beklatscht), die an den Gegebenheiten vorbeilaufen. Und nicht nur Frauen diskriminiert, sondern auch die Männer.
Ich fühle mich jedenfalls diskriminiert, schließlich kann ich durch einen Unglücksfall keine Kinder bekommen. Ich bin also gesellschaftlich mehr oder weniger nutzlos und als arbeitende Frau laut Frau Hermann ohnehin depressiv (und sogar suizidgefährdet). Naja, die einzig depressive Phase hatte ich, als ich (mal abgesehen von der Krankheit) arbeitslos war.
Männern wird durch Frau Hermann per se die Fähigkeit, ein Kind großzuziehen abgestritten. Das Kind gehört zur Mutter. Ja wie? Und der Vater spielt nur die zweite Geige?
Aber Frau Hermann kann auch noch diskriminierender. Sie erklärt die Welt mit längst überholten biologischen Fred-Feuerstein-Theorien. War ja immer so, daß Frauen am Feuer standen und die Männer Mammuts gejagt haben. Naja, vielleicht war sie dabei. Bei archaischen Völkern dieser Welt hockt jedenfalls keine Frau mit Kind am Feuer. Die binden sich das Kleine um und arbeiten. Anders könnten sie nicht überleben. (Oft sind es sogar die Männer, die faul rumsitzen und selbst die Hochschwangeren arbeiten lassen). Ich denke ein Blick auf die Naturvölker dieser Welt gibt einen guten Hinweis darauf, wie unsere frühzeitliche Gesellschaft wohl ausgesehen hat. Wie oben schon gesagt, dieses hermannsche Bild existiert nicht seit Jahrtausenden, sondern seit gut 200 Jahren (und betraf in früheren Zeiten auch nur die Oberschicht. Bauersfrauen beispielsweise durften immer arbeiten). Diese These von Frau Hermann ist doch schlicht falsch!
Dazu ein Zitat von Frau Hermann:
Der Mann ging zur Jagd, später zur Arbeit und sorgte für den Lebensunterhalt der Familie, die Frau kümmerte sich um das Heim, den Herd, die Kinder und stärkte ihrem Mann den Rücken durch weibliche Fähigkeiten wie Empathie, Verständnis, Vorsicht. Aus dieser Zeit stammt das volksmündliche Sprichwort, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine kluge Frau stehe.
(Quelle)
Wenn man sich über Familienpolitik Gedanken macht, dann hilft es vielleicht, mal über die Landesgrenzen hinauszublicken. Warum funktioniert es in Frankreich oder in Skandinavien so gut? Eine recht gute Zusammenfassung gibt dieser Artikel hier.
am 13.10.2007 um 14:07
MuGo@Blondes Alien:
Ein sehr schöner Kommentar. Danke!
am 13.10.2007 um 14:43
konnaAlso zuerst möchte ich doch noch einmal sehr klarstellen, dass ich es NICHT so sehe, dass Kinder, die nicht durchgehend bei der Familie aufwachsen, Defizite haben oder im Nachteil sind und sicher sogar einige Vorzüge haben (beides hat seine Vor- und Nachteile). Also das ist mir wichtig, dass mir das nicht vorgeworfen wird, ich gebe aber zu, dass es in meinen bisherigen Äußerungen vielleicht so rüberkam – sorry! Möglicherweise liegt es daran, dass ich es mir nicht so gut vorstellen kann. Meine Äußerung dazu tut mir schon ein wenig Leid, ich wollte damit niemanden diskriminieren.
Jedoch könnte man bei euch auch raushören, dass die Kinder, die bei den Eltern aufgewachsen sind, Defizite haben – was pauschal auch nicht richtig ist. Pauschalisieren sollte man bei diesem Thema aber sowieso nicht.
Aber eigentlich war das auch nicht die Hauptintention des Beitrags – es ging eher um die Kinderfeindlich des Staates und um das althergebrachte Rollenmodell und inwiefern man da vielleicht umdenken (können) sollte – also zum Beispiel, dass der Mann als Hausmann arbeitet. Sowas gibt es doch kaum und wenn, dann wird das doch meist eher belächelt.
Folgendes Zitat aus deiner Quelle, Katja, das fand ich für den ersten Teil am bezeichnendsten:
“Flächendeckende Ganztagsbetreuung für Kinder, flexible Elternzeit-Regelungen, hohes Elterngeld, Anspruch auf Teilzeitarbeit und die Reservierung eines Teils der Elternzeit ausschließlich für Väter gelten als die Erfolgsfaktoren des nordischen Modells”
In Deutschland sind all diese Dinge nur mangelhaft umgesetzt. Die Demografie ist ein extrem großes Problem, das nur dadurch angegangen werden kann, dass man den Menschen wieder das Kinderkriegen ins Bewusstsein ruft und ihnen Anreize bietet, das auch durchzuführen. Die Studie besagt ja, dass dies vor allem von wirtschaftlichen und politischen Einflüssen bestimmt wird. Paare, wo beide arbeitslos sind, werden sicherlich an alles andere denken als ans Kinderkriegen. Die finanzielle Seite spielt eine nicht unerhebliche Rolle – und ich glaube, dass du, MuGo, diese Fälle nicht kennst, weil sich finanziell schlecht dastehende Paare um soetwas gar keine Gedanken machen. Wenn sie finanziell auf sicheren Füßen stehen, ist da natürlich eher Platz für Kinderwünsche. Ist aus meiner Sicht jedenfalls logisch – ich würde jedenfalls genauso handeln.
Nochmal zu den Krippen etc. – sicher kommt es auch immer darauf an, wie das ganze dort gemacht wird. Da gibt es sicher gute und schlechte Beispiele.
Und dir, MuGo, muss ich natürlich in dem Punkt zustimmen, dass es bei Einzelkindern und “Großfamilien” Unterschiede gibt.
Jetzt bin ich bestimmt auf irgendwas nicht eingegangen, aber ich muss jetzt erstmal weg, deshalb gibts das dann später.
am 13.10.2007 um 15:35
MuGo@Konna:
Du wirst Recht haben, dass sich die entsprechenden Paare wahrscheinlich nicht bewusst gegen Kinder entscheiden, sondern einfach gar nicht den Wunsch äußern. Punkt an dich.
Trotzdem bezweifel ich, dass Geld so ein großer Faktor ist. Zumindest kommt es mir so vor, als ob ausgerechnet Hartz-IV-Empfänger als Einzige noch Kinder bekommen, um es mal ganz überspitzt zu sagen.
Zu deiner eigentlichen Intention: Da hast du vollkommen Recht – Deutschland IST hochgradig kinderfeindlich; wer etwas anderes behauptet, kann keine Kinder haben. Aber eine Diskussion über neue Erziehungsmodelle und ein Umdenken in der Familienpolitik gerade mit Eva Hermann aufzuziehen, war taktisch unklug. Denn Eva Hermann will alles – aber kein modernes partnerschaftliches Familienmodell!^^
am 13.10.2007 um 16:45
Blondes Alien@MuGo: Danke Dir.
@Konna: Du hast Recht, ich wollte nicht pauschalisieren. Ich dachte beim Schreiben an meinen Neffen, der ohne Geschwister aufwächst. Und wir beobachten, daß er sehr fixiert ist auf Erwachsene, also auf seine Eltern und auf mich. Meine Schwester geht zwar täglich auf den Spielplatz und ist auch einmal wöchentlich in einer Kindergruppe, aber das reicht einfach nicht. Er soll den Umgang mit anderen Kindern lernen. Aber das ist mangels Kinder gar nicht so einfach.
Daher obige Äußerung zum Sozialverhalten. Sollte nicht ausdrücken, daß es zu Defiziten kommt, wenn Kinder zu Hause aufwachsen.
am 13.10.2007 um 17:53
sanjain zeiten von überbevölkerung, massensterben durch hunger usw. ist es nahezu als schwarzer humor zu verstehen mehr kinder zu fordern
am 13.10.2007 um 21:10
sanjaich distanziere mich von der eben getätigten aussage, ich hab einfach keinen bock das näher zu vertiefen. aber dramen darüber zu machen wie gering die geburtenrate ist, ist einfach paranoid. und ehrlich gesagt für mich auch nazistisch
am 13.10.2007 um 21:16
Antworte auf “Die Leiden der Eva Herman oder Staat vs. Kinder”