Catull frei interpretiert | Carmen 80

Achtung, jetzt wird es pervers! Ja, richtig gehört, in meiner kleinen, unregelmäßigen Reihe zu Catulls Carmina wird es heute ein wenig anstößiger, diesmal sogar schon durch die Wortwahl und nicht nur durch die Interpretation, wie es in Carmen 2 der Fall gewesen ist. Nicht umsonst ist eine deutsche Übersetzung im Netz nur äußerst schwer zu finden. Die einschlägigen Übersetzungsseiten lassen das diesmal von mir besprochene Gedicht merkwürdigerweise und sicher ganz zufällig aus.

Der Text

Dieses Mal habe ich mir einen Text ausgesucht, der zu den Invektivgedichten (Schmähgedichten) gezählt wird. In dieser Gedichtgruppe nimmt Catull bzw. das lyrische Ich absolut kein Blatt vor den Mund und schreckt auch nicht vor übelsten Verleumdungen unterhalb der Gürtellinie zurück. Dass diese Gedichte, die inhaltlich wie von einem pubertierenden Jugendlichen geschrieben scheinen, stilistisch absolute Meisterstücke sind, erkennt man erst bei genauerem Hinsehen. Den Originaltext könnt ihr euch auf Wunsch in der latin library anschauen. Aber nun meine Übersetzung:

Gedicht 80

Was soll ich sagen, Gellius, weshalb diese rosenfarbenen Lippen
schneeweißer als der winterliche Schnee geworden sind,
wenn du früh morgens aus dem Haus gehst und wenn dich die achte
Stunde aus spät am Tag aus dem sanften Schlaf weckt?
Ich weiß nicht, was sicher ist: Flüstert das Gerücht etwa Wahres,
dass du das gespannte Erhabene in der Mitte des Mannes verschlingst?
So ist es sicher: Sie schreien heraus, dass die Weichteile des armen Victor
barsten und deine Lippen von dem gemolkenen Saft gezeichnet sind.

Interpretationsansätze

Zunächst ein paar Worte zum Inhalt. Ich denke, dass es wohl nicht zu übersehen ist, dass Catull dem Gellius hier vorwirft, Unzucht mit anderen Männern zu treiben. Er hat offensichtlich Oralverkehr und seine Lippen sind so weiß, weil er noch Reste vom Sperma an seinen Lippen kleben hat.

Diese Entwicklung zeichnet sich aber erst ab Vers 6 ab. Vorher wird der Spannungsbogen aufgebaut und das Vokabular lässt zunächst sogar auf ein Liebesgedicht schließen. Wenn rosenfarbige Lippen blass oder weiß werden, ist das in der antiken Vorstellung nämlich ein Anzeichen fürs Verliebtsein. Mit dieser Erwartungshaltung spielt Catull hier, indem er letztlich einen ganz anderen Grund für die weißen Lippen gibt, der erst in der Pointe im letzten Vers ganz deutlich wird. Was auf die zeitgenössischen Leser und vielleicht auch für uns so recht lustig wird, muss für den Gellius durch diese Vorgehensweise nochmals um ein vieles beleidigender gewesen sein, als es das allein schon aufgrund des Inhalts war.

Und? Habe ich euch zu viel versprochen, als ich sagte, dass es diesmal ziemlich anstößg werden würde? Und da soll noch mal einer behaupten, Latein wäre ein langweiliges und spießiges Fach. ;)

 

2 Kommentare

  1. lexxa says:

    Latein ein langweiliges Fach? Niemals!
    Ich denke es ist unter anderem als langweilig verschrien, weil es ziemlich trocken vermittelt wird. Ich kann mich mit Grauen noch an meinen Latein-Prof. erinnern. Und auch wenn ich weiß, dass sich solche Texte nicht eignen, um Teenagern die lateinische Sprache zu vermitteln, so hoffe (und weiß) ich, dass du es einmal besser machen wirst!
    ;-)

  2. Konna says:

    @lexxa: Genau! Latein ist alles andere als langweilig, mein Reden. :) Und ich hoffe mal, dass du Recht hast und ich es wirklich besser hinbekomme und einen Teil meiner Begeisterung weitergeben kann. Ich werde mein Bestes geben. :D

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