Papierflieger: Jutta Profijt – Kühlfach betreten verboten

»Der Kangoo klebte an dem Brückenpfeiler wie ein Furunkel an der Sitzritze, aber der Fahrersitz war leer. Das war erstaunlich, denn die Faltschachtel sah nicht gut aus. Okay, so ein rollender Schuhkarton sieht nie gut aus, aber was ich damit meine, dürfte klar sein: die Karre war Schrott und der Fahrer hätte eigentlich schlaff im Gurt hängen sollen. Mindestens mit Schleuderhirn, vielleicht sogar mit einem Knick im Genick.«

Jutta Profijt - Kühlfach betreten verboten

Jutta Profijt: Kühlfach betreten verboten | 320 Seiten | dtv | EUR 9,95 | Release: 01.01.2012 | ISBN 978-3-423-21340-0

So beginnt der vierte Band aus der Kühlfachreihe von Jutta Profijt; Geist Pascha – seines Zeichens Frauen- und Gangsterversteher, Ex-Autoknacker und personifizierte oder vielleicht besser »vergeistete« Kodderschnauze ist zurück und mit ihm der etwas verschrobene Gerichtsmediziner Martin Gänsewein, der als einzig lebender mit Pascha kommunizieren kann, und dessen Freundin Birgit.

Nachdem sich Pascha in den ersten drei Büchern nacheinander mit seinem eigenen, nicht ganz natürlichen, Tod, mit einer Nonne und mit einem zeitweiligen Chaos im gerichtsmedizinischen Institut auseinandergesetzt hat, muss er im vierten Babysitter für vier präpubertierende Neugeister spielen, deren menschliche Hüllen nach dem Verkehrsunfall im künstlichen Koma verweilen. Wenn Edi (Edeltraud), Jo (Johannes-Marius), Bülent und Niclas nicht gerade Pascha mit ihrer Klugscheißerei auf die Nerven gehen, streiten (und beleidigen) sie sich untereinander, aber in gewisser Weise mag Pascha die vier, bedeuten sie doch ein bisschen Gesellschaft für ihn und helfen beim neuesten Fall: Die Fahrerin des Kangoos ist nicht nur die Klassenlehrerin der vier, sondern auch noch, seitdem ihr Wagen den Pfeiler geknutscht hat, verschwunden. Wenig später wird die Leiche einer jungen türkischen Frau gefunden, die einen Zettel mit der Handynummer der Lehrerin bei sich trug.

Warum musste sie sterben, was hatte sie mit der ebenfalls türkischstämmigen Lehrerin zu tun und wo stecken überhaupt die Lehrerin und der Bruder der Getöteten, welcher auf seine Schwester aufpassen sollte? Diesen Fragen geht nicht nur die Polizei in Person von Martins Freund Gregor auf den Grund, auch Pascha versucht Klarheit in die Sache zu bringen und schickt mangels eines eigenen Körper erst einmal Martin vor. Der Gerichtsmediziner hat jedoch noch andere Sorgen als seinen Sprüche klopfenden Hausgeist und den neuen Fall: Freundin Birgit zickt öfter und stärker als gewöhnlich und isst für drei … bis zu dem Zeitpunkt an dem ihr schlecht wird. Woran das liegt? Erraten: Martin und Birgit werden Eltern.

»Kühlfach: Betreten verboten« ist ein guter und absolut empfehlenswerter Krimi mit überraschendem Ende – spannend und abwechslungsreich geschrieben, schnelllebig und ohne jeden Zweifel sehr humorvoll. Irgendwann war ich so in die Geschichte vertieft, dass ich nicht mal weiß, wie lange der Schaffner schon vor mir stand und mich nach meiner Fahrkarte fragte. Im Vergleich zu den letzten Büchern war der Kriminalfall aus meiner Sicht etwas spannender, jedoch fällt der Witz insbesondere im Vergleich mit »Im Kühlfach nebenan« etwas ab, Paschas Schilderungen und Sprüche sind zwar immer noch sehr witzig und schlagfertig, aber insgesamt erreichen sie für mich nicht ganz die gleiche Stufe. Aber gut, kann aber auch die Einzelmeinung meinerseits sein, das muss jeder für sich rausfinden. Ziemlich klasse fand ich hingegen den Anfang des 9. Kapitels als Pascha Martin von Birgits Schwangerschaft und von dem Kontakt zum ungeborenen Kind berichtet, da war Pascha in Höchstform.

Fazit: Kurzweilige Unterhaltung, überaus geistreich und empfehlenswert, nicht nur für Krimiliebhaber, auch für alle anderen, die gerne lachen. Und falls ihr plant, den einen oder anderen Spruch von Pascha zu übernehmen, lasst euch nicht erwischen, das wäre ja nun wirklich voll peino.

Wertung: 8 von 10

P.S.: Die Autorin Jutta Profijt ist auch bei Facebook und tauscht sich dort regelmäßig mit ihren Lesern aus. Ende September tauchte (nur so als Beispiel) folgender Beitrag auf: »Ich bitte um Mithilfe: Ich habe eine „knasige“ Kaffeetasse beschrieben. […] Also, für alle nicht-Rheinländer: Kapiert ihr das? Oder wie nennt man eine Kaffeetasse, in der die Füllstände der letzten 6 Wochen noch ablesbar sind…?«

Vorgeschlagen wurde von Seiten der Leserschaft vor allem »siffig« und tatsächlich, auf Seite 95 kommt die siffige Tasse vor.

Link-Container:
Deutscher Taschenbuch Verlag / Autorenseite
Interview mit Jutta Profijt und Ausschnitte aus der Lesung zu »Kühlfach 4« (Video)
Kühlfach betreten verboten bei Amazon kaufen / Kindle-Edition

Vielen Dank an den Deutschen Taschenbuch Verlag für das Rezensionsexemplar!

Über die Autorin: Puschel, Baujahr ’87 studiert Latein und Geschichte in Kiel, wurde schon als Kind am besten mit Puzzles oder Büchern ruhiggestellt, leidet dafür heute an chronischer Regalknappheit und liest öfter mal 2 Bücher gleichzeitig. Zu erreichen ist sie bei Twitter unter dem Namen Todespuschel.

1 Kommentar

  1. owyanna - 16.01.2012 at 18:36

    Hat zwar mit der Buch-Rezension eigentlich nur noch wenig zu tun, aber die Diskussion mit der knasigen Tasse finde ich schonmal fantastisch. Ich hätte das Wort als Nicht-Rheinländer übrigens zwar verstanden, aber von alleine nie benutzt. Um so interessanter; da ein Bekannter von mir irgendwann das Wort “mockig” einschleppte, womit ich erst auch nichts anfangen konnte, und ihm deshalb mühsam beizubringen versuchte, statt dessen bitte “siffig” zu sagen, damit ich weiß was er meint… Ja. Inzwischen sage ich selber “mockig”.

    Antworten

Schreib deinen Müll dazu