Am gestrigen Montag ging eine Welle der Empörung durch die schwarze Szene. Unheilig, Aushängeschild und Star der Szene, hatte einen Auftritt in der RTL-Soap Gute Zeiten, Schlechte Zeiten und gab im Rahmen der Handlung dort ein Konzert. Das schien für zahlreiche alteingesessene Fans, die auch schon vorher zahlreich auf Facebook ihren Unmut über die aktuelle Entwicklung lauthals kundtun, der Tropfen gewesen zu sein, der dass Fass zum überlaufen gebracht hat. Kommentare, die von “peinlich” über “ich schäme mich fremd” bis hin zu “nie wieder Unheilig” lauteten, überfluteten auch Kurznachrichtendienst Twitter.
Die Entwicklung, die diese Diskussion seit dem Einsteigen der Single “Geboren um zu Leben” in die Charts und Auftritte bei The Dome und weiteren Fernsehsendungen auf RTL 2 und VIVA genommen hat, ist nicht nur ein Paradebeispiel für die Engstirnigkeit, die in gewissen Kreisen an den Tag gelegt wird, sondern auch für die Sinnlosigkeit der immer wieder auflodernden Kommerzdiskussion.
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Viele der “alten” Fans werfen Unheilig vor, sich verändert und für den Erfolg verkauft, ja sogar die eigenen Prinzipien verraten zu haben. Objektiv gesehen – sofern man Musik überhaupt objektiv sehen kann – sind diese Vorwürfe in vielerlei Hinsicht haltlos. Schon vor seinem aktuellen Album “Grosse Freiheit” hatte Unheilig diverse Fernsehauftritte, etwa bei Frank, der Wedding Planner (was auch keine hochgeistige TV-Sendung ist) und hatte sogar eine eigene Dokumentaion auf dem Sender DMAX. Der Graf hat schon immer versucht, möglichst viele Menschen mit seiner Musik zu erreichen. Und dafür helfen eben auch Auftritte bei GZSZ.
Dass die aktuelle Musik sich total veränder hat, lässt sich auch nicht sagen, “Geboren um zu Leben” ist von der Machart dem Song “An deiner Seite” vom vorherigen Album so ähnlich, dass ein Austausch überhaupt nicht auffallen würde. Letztgenannten Song sahen die meisten Fans damals als wunderschöne Ballade – die er ja auch ist – und schon immer erzielten die Balladen eine besonders starke emotionale Wirkung beim Hörer. Jetzt, wo eine solche Ballade auch von Leuten gehört wird, die nicht der Szene angehören, wollen plötzlich alle diese Balladen schlecht finden? Schwer vorstellbar.
Zumal das aktuelle Album auch durchaus tanzbare und härtere Tracks enthält. Man höre nur mal “Abwärts”, “Unter Feuer” und “Ich Gehöre Mir” an, da ist nichts von weichgespülter Mainstreammusik zu hören. Dass aber nicht alles so klingt wie früher ist ein ganz normaler Prozess bei jeglichem Künstler. Das wäre auch langweilig, jeder Künstler entwickelt sich weiter, ob in die eine Richtung oder in die andere. Unheilig hat sich da im Vergleich zu gewissen anderen Bands (man schaue z. B. nur einmal auf Die Ärzte) sogar noch ziemlich zaghaft entwickelt.
Den meisten alten Fans scheint es also lediglich – und das ist jetzt eine persönliche Behauptung von mir, der ich schon seit vielen Jahren Fan bin – eher darum zu gehen, dass ihnen der Erfolg von Unheilig, den sie der Band pardoxerweise früher immer gegönnt haben und die deren Musik sie auch oft weiterempfohlen haben, weil ihnen jetzt ihre Entdeckung, ihr ganz persönlicher Künstler weggenommen wurde und nun eben viel mehr Personen gehört. Mit der hinzugekommenen Masse an “Modefans” ist der gute, individuelle Musikgeschmack verschwunden.
Es mag sein, dass das Familiäre auf Konzerten nicht mehr so zum Tragen kommt und man nicht mehr anhand der Aussage, man höre Unheilig, direkt auf den Musikgeschmack oder die Szenezugehörigkeit schließen kann. Viele sogenannte Modefans werden aber auch wieder verschwinden. Doch die Anzahl derer, die die Musik hören, ändert nichts an deren Qualität. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder gefällt einem die Musik oder sie gefällt einem nicht.
