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Zerstören in der Kunst

Wer sich mal die Zeit nimmt und grob gefasst ostasiatische Kunst und die Machwerke eines Neo Rauch, von Baselitz oder Gerhard Richter demgegenüber stellt, der sieht recht bald: Hier laufen völlig konträre Auffassungen zur Kunst gegeneinander und es ist höchst interessant zu fragen, welches eigentlich der formidable Unterschied im Schaffen von Kunst seyn kann, auf den sich die Menschen und Künstler weltweit berufen. Klar, es gibt unzählige Schulen, Stile, Lehrer (und Lehrerinnen natürlich auch) und natürlich Traditionen und Meisterwerke.

Doch das braucht uns hier nicht so sehr zu interessieren, da wir auf einen viel tiefer greifenden Unterschied verweisen möchten – Die Bereitschaft zum Zerstören. Diese ist kulturell vollkommen variabel ausgeprägt und trägt entscheidend zum Habitus einer lokalen oder auch nationalen Kunstszene bei. Beim Vergleich Ostasien mit Europa ist es zudem der Unterschied zwischen ganzen Kontinenten.

Konstruktion und Destruktion

Hinter asiatischer Kunst vor allem China, Vietnam und Indien steht vor allem in den traditionellen Richtungen immer das Bedürfnis nach Harmonie. Die Lehren Konfuzius´ oder jene des Lao Tse adressieren an das Zusammenspiel von Himmel und Erde (und Kaiser) und jeder Bruch, jeder Einflussnahme gilt als Frevel. Kunst kann sich deshalb für viele Jahrhunderten im Reich der Mitte nur qualitativ entwickeln, beispielsweise in der Perfektionierung von Ritualen oder eben in Techniken des Kunsthandwerks. Wo Europa probiert, versucht und tüftelt, strebt Asien nach Vervollkommnung und der konstruktive Zug von Ländern wie Korea oder Japan ist heute sehr deutlich sichtbar.

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Niemals fiele es einem Künstler ein, das mühsam geschaffene Werk zu zerstören und es ganz anders zu versuchen, vielmehr setzten chinesische Maler und koreanische Bildhauer auf die Schaffung eines idealen Bildes, einer Harmonie, in der sich alle wiederfinden können.

Dem stellt der westliche Kulturkureis ein Konzept der Dekonstruktion gegenüber. Damit verbunden ist Bereitschaft zu schockieren, zu blamieren und zu zerstören. Erwartungsbilder, Vorstellungen, Traditionen, nichts ist vor der Kunst sicher und das spielt ganz folgerichtig asiatischen Überzeugungen entgegen. Vor den Kopf stoßen? Niemals! Dazu kommt eine Verweigerung dieser Gesellschaften, sich in breiten Diskussionen auszutauschen, was unzweifelhaft mit der (harmonischen) Fixierung auf Familie und Umfeld zu erklären ist. Brüche sind nicht vorgesehen, der Mensch folgt und ist ein guter Teil des Ganzen. Das zeigt sich in der Kunst beispielhaft. Übrigens lohnt hier ein Blick auf das Werk Ai Weiwei, der gekonnt diese Harmoniesucht karikiert, ironisiert und in häufig bombastischen Installationen aufbricht.

Geschlechterrollen

Auch die Geschlechter sind betroffen und Baselitz ging sogar mal so weit zu behaupten, Frauen ginge die Bereitschaft zum Zerstören eher ab und sie wären deshalb – ganz wie Asiaten – dem Kunstmodell der Harmonie verpflichtet. Männer als Künstler wären bereit auch das ganz große Werk bei Nichtgefallen einzureißen, während die Dame das Ganze lieber stehen lässt und durch ein weiteres, gleiches Modell ergänzt. Die Kunst scheint hier mit der Mode verwandt und selbst wenn der künstlerische Anspruch auf das Tandem zwischen Zeitlosigkeit und Aktualität gesetzt wurde, so sind der Wandel und die Kraft zum Neuen eine entscheidende Triebfeder. Man kann hier Baselitz kritisieren und wird damit auch nur seinen Nerv treffen beziehungsweise ihm indirekt zustimmen. In Asien wird eine solche Diskussion nämlich aus Gründen einer gestörten Harmonie gar nicht stattfinden und allein das ist doch schon der beste Beweis für einen Standpunkt, auch wenn dieser nur in der Kunsttheorie gegeben wird.

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