Papierflieger: Jan-Uwe Fitz – Entschuldigen Sie meine Störung

„Tun Sie mir einen Gefallen: Sollten Sie das Buch im Laufe der Lektüre wutentbrannt oder enttäuscht in die Ecke feuern, lassen Sie es mich nicht wissen. Schreiben Sie es auch nicht ins Internet. Nicht auf Amazon, Twitter oder Facebook und nicht in irgendwelchen Foren. Dort finde ich es nämlich garantiert. Weil ich ständig meinen Namen google. Von mir aus teilen Sie ihren Freunden und Bekannten gern mündlich oder in E-Mails bzw. Briefen mit, was für einen Dreck Sie hier lesen mussten. Tragen Sie es gern in die Welt hinaus, reden Sie so schlecht wie möglich über mein Geschreibsel. Ich gehe ohnehin davon aus, dass Sie hinter meinem Rücken kein gutes Haar an mir lassen. Tue ich ja selbst nicht. Ich möchte es nur nicht erfahren. Ich würde es gern weiter verdrängen. Mit der Hoffnung leben, dass alles OK ist. Sonst werde ich traurig.“ (S. 38f.)

Jan-Uwe Fitz - Entschuldigen Sie meine Störung

Jan-Uwe Fitz: Entschuldigen Sie meine Störung | 288 Seiten | Dumont Buchverlag | EUR 8,99 | Release: 14.04.2011 | ISBN 978-3-8321-6147-7

Ja super. Was soll ich denn da jetzt noch zu sagen, Herr Fitz? Wenn ich ihr Buch jetzt schlecht finde, stürze ich Sie womöglich in die nächste Krise und ich bin kein so schlechter Mensch, dass ich das jemandem absichtlich antun möchte. Sonst wäre ich wahrscheinlich Politiker geworden.

Würde ich jetzt ihr Werk allerdings in den höchsten Tönen loben, gingen Sie eh nur davon aus, dass ich es eigentlich gar nicht so meine und in Wirklichkeit keine zwei Seiten mit Freude gelesen habe. Klassische Patt-Situation sozusagen.

Dabei bin ich Ihren, durchaus manchmal etwas verwirrenden, Spuren durch das Buch eigentlich sehr gern gefolgt und hatte ab und an (aber behalten Sie es bitte für sich) sogar Spaß. Besonders den – zu Unrecht – völlig unterschätzten Beruf des Lachoptimierers sowie den Ocean‘s-Seventeen-gleichen Einbruch in die Nervenklinik fand ich großartig. Gut, die Geschichte mit der toten Mitpatientin im Schrank… aber das kann ja schließlich jedem einmal passieren, oder?

Mir fällt übrigens in dieser Sekunde auf, dass sicherlich gerade kaum jemand weiß, wovon ich hier rede. Wieder den Gaul von hinten aufgezäumt und keiner kann meinen wirren Schilderungen folgen. Tja was machen wir denn nun?

Am besten spreche ich einfach eine Leseempfehlung aus. Aber Vorsicht mit den Risiken und Nebenwirkungen. Ihr könntet euch amüsieren und eventuell etwas über euch selbst und ganz sicherlich viele intime Details aus dem wirren Kopf des Jan-Uwe Fitz erfahren.

Fazit: Das Buch scheint wie ein Klinikaufenthalt zu wirken. Geht der Patient mit der Prämisse: „Hier bin ich! Heilt mich!“ in die Behandlung ist alles schlecht und keiner kann ihm so recht helfen. Hat er jedoch eine gewisse Neugier und Offenheit an sich, macht er vielleicht überraschende und unerwartete Entdeckungen, die sein Leben bereichern. Aber Vorsicht: Immer schön vor den Gruppentherapiesitzungen in Acht nehmen!

Wer zu seiner Paranoia noch ein bisschen mehr beitragen will, folgt übrigens dem Autor Jan-Uwe Fitz bei Twitter. So wie die über 25.000 anderen, die der @vergraemer genauso wenig loswird wie die Wanderbaustelle, die ihn sogar bis auf seinen Balkon verfolgt. Und wer anonym bleiben will oder Angst vor ihm und anderen Menschen hat, liest heimlich auf www.vergraemer.de mit.

Einzelwertung:

Verwirrungsfaktor: 10  von 10
Idee: 7 von 10
Aufmachung: 4  von 10
Wegträumfaktor: 2 von 10
Gedanklicher Nachklang: 7 von 10

Gesamt: 6 von 10

Link-Container:
Dumont Buchverlag / Autorenseite
Entschuldigen Sie meine Störung bei Amazon kaufen

Vielen Dank an den Dumont Buchverlag für das Rezensionsexemplar!

Über die Autorin: Jenni Belitz ist 85er Jahrgang, studiert Geschichte, Ur- und Frühgeschichte und Nordistik in Kiel und liebt Geschichten jeder Art. Da sich schon bald sämtliche Famillienmitglieder weigerten ihr etwas vorzulesen, verschlang sie, sobald sie lesen konnte, alles was ihr in die Finger kam. Immer wenn sie von einer interessanten Bücherreise zurückkehrt, wird sie hier davon berichten. Zu erreichen ist Jenni über Twitter unter dem Namen tikavanderloh.

5 Kommentare

  1. vergraemer - 17.12.2011 at 8:50

    Aber ich habe doch schon ca. 39.000 Follower, Frollein. Und die Geschichte mit der toten Mitpatientin ist leider wahr. Was soll ich denn tun? Verschweigen?

    Antworten
  2. Jenni - 17.12.2011 at 11:25

    Mea culpa. Ich wusste ich hatte etwas vergessen, das kommt eben davon wenn man Wissen aus Büchern abschreibt und nicht auf seine Aktualität überprüft.
    Ich fand es nur mutig in einer Welt in der Verschweigen eine Modeform ist so etwas Brisantes mit der Welt zu teilen. Ich hoffe das Kissen hat mittlerweile seine gerechte Strafe erhalten.

    Antworten
  3. vergraemer - 17.12.2011 at 14:05

    Ich habe mir gerade überlegt, dass 6 von 10 Punkten schon reichen, um sehr traurig zu sein. Können Sie nicht wenigstens null Sterne geben, damit ich weiter behaupten kann, das Buch polarisiere?

    Antworten
  4. Jenni - 17.12.2011 at 14:28

    Wenn 6 von 10 Punkten reichen um sehr traurig zu sein, was wäre passiert wenn ich nur drei gegeben hätte? Und bei neun von zehn wären Sie sicher traurig, dass es nicht einer mehr ist. Ich finde ich stehe da jetzt einfach zu. Ich hatte sehr viel Spaß und habe es gern gelesen, aber wenn Sie mögen, können Sie gerne behaupten es handle sich um einen Schreibfehler und eigentlich würde da null stehen.

    Antworten
  5. vergraemer - 18.12.2011 at 7:18

    Nein, wenn Sie Spaß hatten, bin ich sehr erleichtert. Dann ist mir egal, wie viele Punkte da stehen.

    Antworten

1 Trackback

  • Echo Chamber #006 | biotechpunk - [...] Papierflieger: Jan-Uwe Fitz – Entschuldigen Sie meine Störung Ja super. Was soll ich denn da jetzt noch zu sagen, ...

Schreib deinen Müll dazu