Papierflieger: Alex Rühle – Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline

»Der eine der beiden Männer sagt in die versammelte Stille: ‘Du pitchst das an alle, so wird das erstens TOP und zweitens sind die dran, und dann vorwardest du das Ganze noch an mich.’ Gäbe es einen gerechten Gott, die Erde würde sich [...] auftun und die beiden verschlingen. Nichts dergleichen geschieht, Erde bleibt zu, Aufzug geht auf, die beiden Egobooster schreiten aus in einen weiteren hochpotenten Tag, und ich denke, lieber Gott, wenn das Netz tatsächlich gerade zu einem Superhirn zusammenwuchert, dann sorg bitte wenigstens dafür, dass es kein Erwachsenensuperhirn ist.«

Alex Rühle - Ohne Netz

Alex Rühle: Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline | 256 Seiten | Dumont Buchverlag | EUR 8,99 | Release: 06.10.2011 | ISBN 978-3-8321-6164-4

Für den einen oder anderen klingt es wie der absolute GAU oder wie eine Grenzerfahrung, die dem Besteigen des Mount Everest oder einer Arktisexpedition gleich kommt. Alex Rühle zieht für ein halbes Jahr den metaphorischen Internetstecker. Ohne Netz auf der Arbeit (und das als Journalist!), kein schnelles checken bei der Familie oder bei Freunden, kein Blackberry, kein Internetcafé, keine Memos und kein Google mehr.

Dieses »Entzugstagebuch« im ebenfalls internetfreien Urlaub zu lesen passte sozusagen wie die Faust aufs Auge. Wäre der Computer nicht arbeitsfähig und mit Musik und Filmen gespickt gewesen, ich hätte das Buch sicher in einem Zug durchgelesen.

In einer sehr intelligenten Sprache schildert Rühle, was die Menschen, für die sich ein Leben ohne Internet anfühlt wie das gleichzeitige Verlegen von Schlüssel, Portmonee und Handy, von seinem Versuch halten. Er berichtet von Erfahrungen mit magentafarbenen Telefonsäulen, analogen Postkarten und Faxen, auf die scheinbar nur noch frühschoppenaffine SPD-Wähler warten, sowie von der Bedeutungsspritze seiner Tochter.

Das Einzige was nach der Hälfte des Buches ein wenig negativ auffällt ist die, allerdings wohl dem Tagebuchstil geschuldete, Wiederholung bestimmter Punkte mit denen er sich im Laufe des halben Jahres befasst.

Zur Warnung sei aber noch angemerkt, dass das Buch einen hohen Weiterbildungsfaktor hat. Wer ein zigbändiges Universallexikon sein eigen nennt, eine gutsortierte Bibliothek in der Nähe hat oder (zur Not) Tante Google fragt wird sicher kaum zwei Seiten weit lesen können, ohne etwas nachzuschlagen und sich gerade im Netz in zeitraubender Recherche zu verirren.

Zur weiteren Vertiefung nennt der Autor am Ende auch die Bücher die den größten Einfluss auf sein Tagebuch hatten (nur uneingeweihte wundern sich an dieser Stelle über die Nennung der »Geschichte der Eisenbahn«).

»Das wahrscheinlich Schlimmste spiegel.de/panorama an der Sucht war die Aufmerksamkeitszerstäubung climatedebatedaily.org, nyt.com die Schwierigwebmail. sued-data.de keit, konsistent webmail.sued-data.de, vimeo.com über lange Strecken google.de, google.com/attention-deficit an ein und derselben Dingenskirchen, na wo war ich, egal, schau ich halt irgendwas auf youtube.com.«

Ob Alex Rühle nach dem halben Jahr wieder zu Smartphone und Browser zurückkehrt und zu einem Menschen wird der obige Sätze formulieren müsste, lest ihr aber lieber selbst.

»Wie ich da so rumstehe und den stoischen Eseln beim Heufressen zuschaue, denke ich, wir sind das Gegenteil von Buridans Esel, diesem Esel, der zwischen zwei Heuhaufen steht, nicht weiß, von welchem er nun fressen soll, stunden- und tagelang hin- und herüberlegt, bis er am Ende verhungert. Wir stehen zwischen Hunderten von Haufen, kosten mal hier, mal da, würden am liebsten auf glutenfreies Heu umsteigen, nehmen weite Reisen auf uns, weil es irgendwo kasachisches Gras geben soll, und wollen am Ende ein Pferd werden, [...]«

Fazit: Definitive Leseempfehlung! Selten habe ich so viel gelernt und mich gleichzeitig sehr gut unterhalten gefühlt. Am liebsten hätte ich nur Zitate für sich selbst sprechen lassen, aber das sieht ja nicht aus. Als einziger Nachteil bleibt die ständige Frage, ob ich nun ein Phantomklingeln in der Hosentasche habe oder wirklich jemand etwas von mir will.

Einzelwertung:

Verwirrungsfaktor: 1  von 10 (nur selten tritt Verwirrung durch de Satzlänge ein)
Idee: 7 von 10 (Versuch definitiv nachahmenswert)
Aufmachung: 2 von 10 (eben ein Tagebuch ;) )
Wegträumfaktor: 1 von 10 (wenn nicht der Computer gewesen wäre…)
Gedanklicher Nachklang: 9 von 10

Gesamt: 9 von 10

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Vielen Dank an den Dumont Buchverlag für das Rezensionsexemplar!

Über die Autorin: Jenni Belitz ist 85er Jahrgang, studiert Geschichte, Ur- und Frühgeschichte und Nordistik in Kiel und liebt Geschichten jeder Art. Da sich schon bald sämtliche Famillienmitglieder weigerten ihr etwas vorzulesen, verschlang sie, sobald sie lesen konnte, alles was ihr in die Finger kam. Immer wenn sie von einer interessanten Bücherreise zurückkehrt, wird sie hier davon berichten. Zu erreichen ist Jenni über Twitter unter dem Namen tikavanderloh.

6 Kommentare

  1. Karo - 05.01.2012 at 21:11

    Klingt wirklich nicht schlecht. Ich für meinen Teil, könnte mir gar nicht mehr vorstellen, mehr als drei bis vier Wochen ohne Internet zu leben. Eigentlich schon krass.
    Ebenso krass finde ich, dass du für den hohen Weiterbildungsfaktor eine Warnung ausgesprochen hast. Bei mir gäbe es da einen Bonus. :D
    Wie dem auch sein, wenn ich dem Buch mal über den Weg laufe (soll heißen: wenn meine Bibliothek es in den Bestand aufnimmt), darf es auf jeden Fall mit! (^_^)

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  2. Marc - 05.01.2012 at 21:31

    Das Buch ist wirklich sehr gut – ich habe vor knapp eineinviertel Jahren auch rezensiert und komme zu einem ähnlichen Urteil wie Du:

    http://www.ostwestf4le.de/2010/10/27/rezension-ohne-netz-mein-halbes-jahr-offline-von-alex-ruhle/

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  3. faby, botschafter des lächelns - 05.01.2012 at 21:38

    Ich hab’ bei solchen Büchern irgendwie einen komischen Geschmack im Mund. Ist ja einerseits nicht das erste der Art (Ich bin dann mal offline: Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy von Christoph Koch, erschienen im Juli 2010) und andererseits: Mach’s doch mal! Wär, weiterbildender und nachhaltiger, als darüber zu lesen. Und im Gegensatz zum Besteigen von 8000ern sogar von zu Hause aus schaffbar.
    Nicht, dass ich spontan behaupte, das zu schaffen, es wäre auf jeden Fall eine Herausforderung. Aber lieber würde ich sie selbst machen, als darüber zu lesen.

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  4. Jenni - 06.01.2012 at 0:23

    @Karo: Das mit der Warnung war auch eher mit einem Augenzwinkern gemeint. Ich hoffe es gefällt dir dann auch nach dem Lesen noch :)
    @Marc: Noch beim Kommentarschreiben gelesen. Es lebe das Tab hopping ;)
    @faby: Natürlich gibt es da schon andere Bücher, mit denen ich deises leider auch gar nicht vergleichen kann, schlicht weil ich die anderen nicht gelesen habe. Ohne Netz komme ich aus, das habe ich nicht zuletzt jetzt gerade wieder zehn Tage lang geteste. Ob ich es allerdings ein halbes Jahr lang schaffen würde wage ich zu bezweifeln. Zumindest nicht, wenn ich (wie jetzt an der Uni) kaum noch handlungsfähig bin, wenn ich nicht die Möglichkeit habe ans Netz zu kommen. Das war in dem Vierteljahr indem ich dank diverser netter Telefonanbieter in meiner Alten Wohnung kein Netz und Telefon hatte aber auch schon fast der einzige Moment, wo ich ein richtiges Problem damit hatte. Nicht zuletzt mag ich es hier einfach viel zu gerne, um komplett drauf zu verzichten ;)
    Ansonsten lasse ich mich gerne unterhalten und das hat dieses Buch wirklich geschaft :)

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  5. Jenni - 06.01.2012 at 0:30

    @Karo ich stelle gerade mit dem Abstand von ein paar Stunde fest, dass es tatsächlich so klingt als wäre ich etwas lerunwillig und würde mich über den Weiterbildungsfaktor mokieren. das Gegenteil war eigentlich der Fall. So kanns kommen ^^

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  6. Apfelkern - 07.01.2012 at 13:48

    Jahrelang ohne eigenen Internetzugang bin ich nun täglich online. Das ist nicht nur dem Bloggen geschuldet, da man ja auch noch jeden Tag “Mails checken” möchte.
    Und so fühle ich mich an den ersten paar Tagen von erzwungenen Internetabstinenzen auf beispielsweise einer Reise immer ein wenig schlecht informiert und ausgeschlossen, doch nach einigen weiteren Tagen ist davon nichts mehr zu spüren. Plötzlich hat man viel mehr Zeit.

    Das Buch könnte mir gut gefallen. Ich werde mich in der Bibliothek danach umsehen.

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